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L i t e r a t u r

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Aus der Beichte des Vaganten ARCHIPOETA

Rinoaldo (Reinald von Dassel) Kanzler unter Friedrich dem Ersten um 1160 in Pavia (Italien). R.v.D. war gewählter Erzbischof von Köln. Ihm zu Ehren (Nennung im letzten Vers) ist dieses Lied entstanden. Der Autor ist unbekannt. Viele der einzelnen Zeilen oder Sätze ("Mein Begehr und Willen ist...") sind auch in der deutschen Form Volksgut und beinahe Sprichwörtlich geworden. Nach meinem Dafürhalten ist die hier verwendete Übersetzung von L.Laistner immer noch die Beste! - LJD-II-2007-
I
Aestuans intrinsecus

Ira vehementi
In amaritudine
Loquor meae menti:
Factus de materia
Levis elementi
Folio sum similis
De quo ludent venti.
1
Heißer Scham und Reue voll,
Wildem Grimm zum Raube
Schlag' ich voller Bitterkeit
An mein Herz, das taube:
Windgeschaffen, federleicht,
Locker wie aus Staube,
Gleich ich leichter Lüfte Spiel,
Gleich' ich einem Laube!
II
Mihi cordis gravitas
Res videtur gravis;
Iocus est amabilis
Dulciorque favis.
Quidquid Venus imperat,
Labor est suavis;
Quae nunquam in cordibus
Habitat ignavis.
2
Traurigkeit - ein traurig Ding,
Das mich mag verschonen;
Scherz geht über Honigseim,
Der will sich verlohnen.
Mir ist in Frau Venus Dienst
Eine Lust zu fronen,
Die in eines Narren Herz
Nie hat mögen wohnen.
III
Secundo redarguor
Etiam de ludo,
Sed cum ludus corpore
Me dimittat nudo,
Frigidus exterius
Mentis aestu sudo,
Tunc versus et carmina
Meliora cudo.
3
Zweitens hab' ich auch das Spiel
Leider nicht gemieden.
Doch sooft vom Spieltisch ich
Blank und bloß geschieden,
Hub im Frost des Leibes mir
An der Geist zu sieden:
Vers' und Lieder kann ich traun
Dann die besten schmieden.
IV
Tertio capitulo
Memoro tabernam:
Illa nullo tempore
Sprevi neque spernam,
Donec sanctos angelos
Venientes cernam
Cantantes pro mortuis
"Requiem aeternam".
4
Drittens: Wirtshaussünden auch
Machen mich beklommen:
Eine Kneipe war mir stets,
Bleibt mir stets willkommen,
Bis dereinst die Engel nah'n,
Bis mein Ohr vernommen
Ihren heil'gen Sterbegruß:
"Ew'ge Ruh den Frommen!"
V
Meum est propositum
In taberna mori,
Ubi vina proxima
Morientis ori.
Tunc cantabunt lactius
Angelorum chori:
"Sit Deus propitius
Huic patatori!"
5
Mein Begehr und Willen ist:
In der Kneipe sterben,
Wo mir Wein die Lippen netzt,
Bis sie sich entfärben!
Aller Englein Jubelchor
Wird dann für mich werben:
"Laß den wackren Zechkumpan,
Herr, dein Reich ererben!"
VI
Poculis accenditur
Animi lucerna,
Cor imbutum nectare
Volat ad superna.
Mihi sabit dulcius
Vinum de taberna
Quam quod aqua miscuit
Praesulis pincerna.
6
Nur beim vollen Becher flammt
Auf des Geistes Leuchte,
Von der Erde hebt das Herz
Sich, das nektarfeuchte;
Doch beim Wirt ein frischer Trunk
Stets mir besser deuchte,
Als im Kloster, wo den Geist
Wasser ihm verseuchte.
VII
Tales versus facio,
Quale vinum bibo,
Nihil possum facere
Nisi sumpto cibo;
Nihil valent penitus,
Quae quae iciunus scribo:
Nasonem post calices
Carmine praeibo.
7
"So die Verse wie der Wein!"
Ist bei mir zu sagen;
Nie bring' ich ein Werk zustand,
Fehlt mir was zu nagen;
Nimmer taugte was ich je
Schrieb bei leerem Magen -
Hinterm Glas will mit Ovid
Ich den Wettstreit wagen!
VIII
Electe Coloniae,
Parce nunc egenti!
Fac misericordiam
Famulo petenti
Et da paenitentiam
Culpae paenitenti:
Feram, quidquid iusseris,
Animo libenti.
8
Kölns Erwählter, schicke mich
Nicht vor fremde Türen!
Gönn' es deinem flehenden
Diener, dich zu rühren!
Buße seiner Missetat
Laß den Büßer spüren:
Was dein Spruch ihm auferlegt,
Wird er gern vollführen.